Windkraft und Solarparks ja, aber nicht vor meiner Haustür?

Stellungnahme der Fraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN im Bohmter Gemeinderat
Erschienen in der ELK-Ausgabe vom 05.06.2026

Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird üblicherweise meistens in Verbindung mit
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN diskutiert; jedenfalls sehen die Gegner dieser Technologie dort
die Wurzel allen Übels.
In Zeiten des Wahlkampfs üben sich mancherorts auch CDU und SPD in gegenseitigen
Schuldzuweisungen, so am Beispiel der Windkraftplanungen am Venner Berg, samt
Seitenhieb auf Ampelregierung und Grüne.
Aber Hand auf’s Herz und Verstand eingeschaltet, wie lange brauchen wir noch, bis wir in
diesem rohstoffarmen und energiehungrigen Land endlich begriffen haben, dass Ausbau und
Nutzung von Wind- und Sonnenenergie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zum Wohle
und zur Erhaltung unseres Lebensstandards und zur Erhaltung unserer natürlichen
Lebensbedingungen sind? Immerhin stammt das erste Gesetz über die Einspeisung von
Strom aus erneuerbaren Energien in das öffentliche Netz (Stromeinspeisungsgesetz) bereits
aus dem Jahr 1990.
Seitdem ist viel passiert in unserem Land und weltweit. Der Anteil der erneuerbaren
Energien am gesamten Strommix in Deutschland lag in 2025 bei 55,9 %. Sonnen- und
Windstrom haben inzwischen die niedrigsten Erzeugungskosten. Aufgrund des weltweiten
Zubaus übertraf weltweit die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien die
Kohlestromerzeugung. Weltweit führend beim Ausbau ist ausgerechnet China.
Was ein zögerlicher und inkonsequenter Strukturwandel bewirkt, dass erfahren die
deutschen Automobilbauer und deren Beschäftigte gerade sehr massiv.
Ob wir wollen oder nicht: Solar- und Windenergie werden die führenden Technologien des
Wachstums sein. Ihr Ausbau wird für den Übergang zu einer nachhaltigeren Energiezukunft
notwendig sein wird. Er hat wesentliche Auswirkungen auf die Erreichung der Klimaziele.
Diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen. Wir wollen auch bei den Technologien der
Zukunft vorn sein. Es genügt nicht, „Bürokratieweltmeister“ zu sein und endlos strittige
Diskussionen zu führen. Wir brauchen den gemeinsamen Einsatz für nachhaltige Lösungen
und eine zügige Umsetzung – das beste Team gewinnt.
Nun haben wir (meistens) zwar einen Blick für das große Ganze, aber wir leben in unserem
persönlichen Lebensumfeld auf dem Land, in Dörfern und Städten. Und immer dann, wenn
Veränderungen, Großprojekte egal ob Industrieanlagen, Autobahnen, Schienen oder
Windparks und Freiflächenfotovoltaikanlagen uns bedrohlich nahekommen, wächst unsere

Betroffenheit und emotionale Ablehnung. Das ist wahrscheinlich eine sehr menschliche
Reaktion.
Schuldzuweisungen, unsachgemäße Behauptungen oder gar Verschwörungstheorien
versperren uns jedoch nur den Blick auf das Wesentliche. Eine kritische, aber sachliche
Auseinandersetzung ist notwendig.
Die Politik ist gefordert, transparente, verbindliche und angemessene Rahmenbedingungen
unter Berücksichtigung der örtlichen Belange zu setzen. Wir als grüne Ratsfraktion in
Bohmte sind uns mit den anderen Ratsfraktionen einig, dass bei der Aufstellung des seit
01.01.2026 geltenden Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) des Landkreises, die
Kreisebene über die Anregungen und Bedenken aus den Einwendungen von Bürgern und
Gemeinden zur Windenergie hinweggegangen ist. Ein konstruktiver Dialog hätte hier Unmut
und Fehlsteuerungen verhindern können. Die Notwendigkeit des Ausbaus ist unbestritten,
aber das wie und wo muss mit den Menschen vor Ort abgestimmt werden. Es muss
verbindliche Bewertungskriterien geben. Warum soll bei einer Windkraftanlage zu
Wohngebäuden die 2,5- fache Nabenhöhe als Mindestabstand gelten, zur im Bau
befindlichen Konverterstation von Amprion jedoch 1.000 m? Warum werden
Naturschutzbelange sehr unterschiedlich bewertet. Wenn uneinheitliche
Abwägungsmaßstäbe gelten, entsteht der Eindruck von Willkür.
Die niedersächsische Landesregierung hat diese Problematik auch erkannt und mit dem
Niedersächsischen Gesetz über die Beteiligung von Kommunen und Bevölkerung am
wirtschaftlichen Überschuss von Windenergie- und Photovoltaikanlagen (NWindPVBetG)
Gesetz aus 2024 einen Weg geschaffen, den Ausbau zu fördern und betroffene Bürger und
Kommunen einzubeziehen. Akzeptranzförderung ist hier das Stichwort. Eine umfassendere
Information wäre hier förderlicher gewesen, ebenso einfachere und klarere Regelungen zu
manchen Punkten. In der Praxis vor Ort kommt es nun darauf an, gemeinsam – auch mit
den Bürgern – tragfähige Umsetzungsmodelle zu entwickeln. Mit der aufgrund gegenseitiger
Kompromisse einvernehmlichen Schaffung einer Akzeptanzrichtlinie im Gemeinderat
Bohmte gibt es eine erste Arbeitsgrundlage, wie die Menschen vor Ort teilhaben können am
Ausbau von Wind- und Sonnenenergie vor Ort. Ob und welche Anpassungen erforderlich
sein werden, werden die Erfahrungen mit der Richtlinie zeigen.
Auch die Projektierer und Investoren stehen in der Pflicht, umfangreich und transparent die
Menschen vor Ort zu informieren und mitzunehmen. Eine gute Kommunikation mit den
Anliegern und Interessierten kann Widerstand vermeiden und Akzeptanz und Teilhabe
fördern. Die Projektierer vom Solarpark Schwege oder vom Windpark Bad Essen –
Langewiesen-Nord, Letztere mit dem Angebot zur Bürgerbeteiligung, zeigen, dass man nicht
über die Köpfe der Menschen hinweg bauen will, sondern mit ihnen.

Und auch wir Menschen vor Ort, ob als unmittelbar und mittelbar Betroffene, haben die
Pflicht zur ehrlichen Bewertung. Indem wir vorschnell den Wind-und Solarausbau
verurteilen, blenden wir einen größeren Zusammenhang aus. Wir profitieren mehrheitlich
von Großprojekten und viele von uns erdulden Belastungen.

Wer von uns glaubt denn, dass die Menschen, die direkt an vielbefahrenen Straßen,
Autobahnen oder Bahngleisen wohnen, die wir berufsbedingt oder für Freizeit- und
Urlaubsfahrten gern nutzen, sich die damit verbundenen Einschränkungen gewünscht
haben. Wer von uns hat sich Gedanken darübergemacht, dass der günstige Strom aus
Braunkohlekraftwerken in der Vergangenheit mit dem Abbaggern zahlreicher kompletter
Dörfer und der Zwangsumsiedlung der Einwohner sowie der Zerstörung ganzer Regionen
verbunden war. Diese Liste ließ sich umfangreich fortsetzen.
Es ist unsere Lebensweise, unser Lebensstandard, den wir alle sehr schätzen und fortsetzen
möchten, der uns Anpassungen und Belastungen abverlangt. Der Umbau der
Energieversorgung hin zu klimafreundlichen Energien kostet, braucht Zeit und Geduld und
bedeutet auch Belastungen. Aber er ist ein wesentlicher Baustein der Zukunft. Was wollen
wir?
Eine Windkraftanlage oder ein Solarpark in Sichtweite sind bei ehrlicher Betrachtung ein
vertretbares Übel, oder?
Arbeiten wir zusammen daran, nachbarschaftliche Bedenken, Umweltinteressen,
wirtschaftliche Interessen und gemeindliche Interessen in Einklang zu bringen.

Bundesvorsitzender von Bündnis…